Jeder Hundehalter kennt vermutlich diese Situation: Da kommt er, das Herrchen von Bello. Mit dem Bello, dem Schäferhund oder vielleicht dem Shi-Tzu im Schlepptau. Der nette Bello hat Ihren Hund bereits erblickt und wirkt schon recht steif. Er fixiert Ihren Vierbeiner mit einem drohenden Blick. Was tun? Sie müssen weiter, Ihr Weg führt unweigerlich an dem Bello samt seinem Herrchen vorbei.

Und es kommt so, wie es kommen sollte. Noch ein paar Schritte und das Drama nimmt seinen Lauf. Bello wirft sich mit seiner ganzen Kraft nach vorne. Sein Herrchen hat Mühe, das Tier an der Leine festzuhalten. Bello legt indes los: Zähne fletschend, macht es seinem Namen alle Ehre – er bellt nämlich. Bello ist wütend, er ist bereit, Ihren Hund zu zerfleischen, esr will ihm zeigen, wer hier das Sagen hat. Sein Herrchen nimmt ihn noch kürzer an die Leine, das Halsband schneidet ein. Bello ist am ersticken. 

Ihr Hund, zunächst etwas verwundert, reagiert auf die Pöbeleien ebenfalls mit einem Wutausbruch. Er fletscht die Zähne, zerrt an der Leine, versucht den Gegner zu beißen. Sie haben Probleme, das Tier zu halten, und sind insgeheim über den Aggressor ebenfalls wütend. Oder bekommt Ihr Hund eine panische Angst, rennt weg und ist anschließend kaum zu finden. In jedem Fall macht solch’ eine Begegnung keine Freude, sondern strapaziert nur die Nerven. 

Vielleicht ist es gerade Ihr Hund, der alle Anzeichen von einer Leinen-Aggression zeigt? Er schnaubt und scharrt mit den Vorderpfoten, er ist eindeutig in Kampfstimmung. Sie schimpfen mit dem Hund, sie versuchen sein unerwünschtes Verhalten abzubrechen. Das Tier ist aber außer Rand und Band. Wird er nur seinen Gegner kriegen, dem zeigt er’s. Der überlebt nicht lange…

Kurzum, eine Leinen-Aggression ist unangenehm, peinlich und sogar gefährlich. Für Mensch und Hund. Es ist kein schöner Spaziergang mehr, es ist eine reine Quälerei. Doch woran liegt dieses Verhaltensmuster und was können Sie tun? Wir gehen jetzt der Leinen-Aggression auf die Spur…

Hunde-Experten vermuten, dass es nicht einen, sondern mehrere Gründe für dieses Phänomen gibt.

  1. Der Hund hat ein Gefühl, sich selbst überlassen zu sein. Das Herrchen oder Frauchen findet kaum Zeit für sein Tier, auch unterwegs läuft der Mensch geistesabwesend, ist in eigene Gedanken versunken oder hört vielleicht Musik.Das Tier erfindet sozusagen für sich eine Beschäftigung, indem er seinen Menschen vor – in der Regel imaginären – Angreifern verteidigt.
  2. Der Vierbeiner ist unsicher. Vielleicht ist das Tier von Natur aus so, vielleicht hat es eine schlimme Vergangenheit. Vielleicht spürt er die Unsicherheit seines Menschen. Aus dieser Schwäche wächst ein Wunsch heraus, sich selbst doch zu behaupten. Leinen-Aggression ist die unangenehme Folge.
  3. Der Hund ist ein Sensibelchen und eine Zicke. Gibt’s auch und darf offen angesprochen werden. 
  4. Möglicherweise hat der aggressive Hund eine schlimme Vergangenheit. Vor allem bei den Hunden aus dem Tierschutz ist dies leider nicht allzu selten der Fall. Die erste Reaktion eines solchen Hundes ist die Ablehnung und tiefes Misstrauen seiner Umwelt gegenüber. Das Tier hat gelernt: Die Welt ist böse und bevor sie mich überwältigt, zeige ich ihr, wozu ich fähig bin. Ich greife also als erster an.
  5. Der Hund fühlt sich beengt und seiner Freiheit beraubt. Vielleicht hat dieser Hund ein besonders starkes Freiheitsbedürfnis. Vielleicht hält der Besitzer die Leine generell zu kurz. Wenn sich die ersten Anzeichen einer Leinen-Aggression bemerkbar machen, dann wird in der Regel der Hund automatisch auf eine kurze Leine genommen. Was wiederum ihn noch wütender macht. Möglicherweise wären sich die beiden Tiere unangeleint begegnet, hätten sie sich beschnüffelt und wären friedlich auseinander gegangen. Möglich – doch eine 100%ge Garantie gibt es dafür nicht. Tier bleibt Tier. 

Nun sind die fünf wichtigsten Gründe – so die Meinung von Hunde-Trainern und Haltern mit einer langjährigen Erfahrung – benannt. Wo ist aber der Ausweg aus der verfahrenen Situation? Lasst uns mal schauen…

Eins ist klar – es müssen die Ursachen der Leinen-Aggression bekämpft werden. Erst dann und nur dann gibt es eine Chance, dass das aggressive Verhalten an der Leine Vergangenheit sein wird. Folgendes kann hilfreich sein:

  1. Sich mit dem Hund unterwegs beschäftigen, das Tier nicht sozusagen sich selbst überlassen. Wie diese Beschäftigung im Detail aussieht, hängt freilich vom Tierhalter und seinem Vierbeiner ab. Es kann ein Ball- oder Stockwerfspiel sein. Es kann ein Suchspiel sein, wenn ein verstecktes Leckerchen aufgespürt werden soll. Es kann ein Fangspiel sein. Oder auch während dem Spaziergang ausgiebig verteilte Streicheleinheiten und verliebte Blicke sein, die sich der Zwei- und Vierbeiner gegenseitig werfen. 
  2. Unsicherheit zu überwinden ist nicht so einfach. Erfahrungsgemäß hilft es, wenn der Besitzer sein eigenes Verhalten etwas kritisch sieht und sich Mühe gibt, bei jeder Hundebegegnung möglichst selbstsicher aufzutreten. Spürt der Hund, dass sein Herr sich innerlich bereits im Anblick eines anderen Hundes innerlich verkrampft, weil er eine Aggression seitens des eigenen Vierbeiners fürchtet, geht diese Anspannung auf den Hund über. Je reizbarer und empfindlicher der Hund, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines Aggressionsausbruchs. Noch ein Tipp: Kommt es zur Leinen-Aggression, bitte nicht mit dem Tier schimpfen, es anschreien oder gar schlagen. Dieses Verhalten macht einen unsicheren und sensiblen Hund noch aggressiver. Aus dieser Zwickmühle gibt es nur einen Ausweg: Ruhe bewahren. Ja… Leichter gesagt, als getan. Und doch: Versuchen Sie die Ruhe zu bewahren und mit einem freundlichen Gesicht an dem anderen Tierhalter vorbei ziehen. Übrigens: Sie dürfen sich gerne entschuldigen, auch wenn Sie sich nicht unbedingt schuldig fühlen. Ein freundliches Wort nimmt der unangenehmen Situation mit einem mal die Spannung und wirkt sich beruhigend auf die beiden Tiere aus.
  3. Ihr Hund ist ein sehr empfindliches und ja, ein zickiger Zeitgenosse. Fragen Sie sich: Gibt es nah und fern irgendeinen Hund, der seitens Ihrer Fellnase keine Leinen-Aggression hervorruft? Wenn Ihre Antwort positiv ausfällt, dann verabreden Sie sich mit diesem Hund und seinem Halter auf einen Spaziergang. Wenn dieses andere Tier natürlich nicht an einer Leinen-Aggression leidet. Die Hunde sind durchaus lernfähig und wenn Ihr Vierbeiner entdeckt, dass es auch ein anderes Verhalten, als sofort alle anderen Hunde anzugreifen gibt, dann kann er sich mal fragen: Vielleicht sind diese anderen Hunde doch nicht so widerlich? Vielleicht gibt es darunter auch nette Exemplare und eine Schnüffelrunde lohnt sich? Erwarten Sie aber nicht, dass dies bereits nach dem ersten gemeinsamen Gassi-gehen passiert. Geduld ist in diesem Fall definitiv angesagt.
  4. Hunde, die einst gebissen oder gar von den Vorbesitzern misshandelt wurden, legen oftmals ein aggressives Verhalten an den Tag. Helfen kann hier ebenfalls ein ruhiger Artgenosse, dem Ihr Hund vertraut und von dem er lernt, positiv zu denken. Auch Selbstvertrauen stärken ist notwendig – mit ermutigenden Worten, Streicheln – aber bitte nicht während Ihr Hund an der Leine tobt!
  5. Fühlt sich ein Hund beengt, wird er leicht aggressiv. Diesen Fehler machen recht viele Hundebesitzer – beim Anblick eines anderen Hundes ziehen sie die Leine kurz, so dass der Vierbeiner nicht einmal ruhig atmen, geschweige denn sich frei bewegen kann. Er kann nicht dem anderen Hund, der dabei ist, ihn zu beschnüffeln, ausweichen, er darf auch selbst am Po der neuen Bekanntschaft riechen. Er hängt sich in der Halsung, ist dabei zu ersticken und dreht durch. Also: Verstehen Sie es nicht so, dass Sie Ihren zur Leinen-Aggression neigenden Hund gleich ableinen, sobald ein anderer Hund in Sichtweite ist. Aber ein Meter Leine wäre schon wünschenswert, nicht direkt an der Halsung den Hund vorbeizerren. Lassen Sie dem Hund ein Stück Freiheit, helfen Sie ihm, seine Privatsphäre zu bewahren. 

Was ist aber ganz konkret in einer Situation der (drohenden) Leinen-Aggression zu tun?

  • Wenn es Ihr Hund, der aggressiv ist oder vermutlich sein wird, reden Sie ihm gut zu, bleiben Sie möglichst ruhig. Halten Sie die Leine kurz genug, damit Ihr Tier den anderen Hund nicht beißt, aber lang genug, damit er sich bewegen und frei atmen kann. Fliehen Sie nicht und weichen Sie nicht aus, aber versuchen Sie, einige Meter Distanz zum anderen Hund einzuhalten. Entschuldigen Sie sich, lächeln Sie und sparen Sie sich bitte alle Schimpfwörter. Weder vor dem Ausbruch, noch danach darf geschimpft werden. 
  • Wenn Sie einen Hund erblicken, von dem eine Leinen-Aggression möglicherweise zu erwarten ist, dürfen Sie gerne – wenn möglich – ausweichen. Sie sind nicht verpflichtet, sich diesem Terror auszusetzen. Wenn kein Ausweichen mehr möglich ist, dann halten Sie Ihren Hund nicht zu kurz. Haben Sie ein Leckerchen dabei, dürfen Sie es gerne jetzt anbieten. Streicheln Sie Ihren Hund, sprechen Sie ihm Mut zu und gehen Sie ruhigen Schrittes an dem tobenden Tier vorbei. Wenn sich Ihr Hund ebenfalls aggressiv verhält, sagen Sie etwas Beruhigendes, Sie dürfen ein paar freundliche Worte an den anderen Hundebesitzer richten. 

Gibt es eine Garantie, dass Ihr Hund es einmal begreift: Leinen-Aggression ist blöd und Beschnüffeln ist vielversprechender? Nein, eine Garantie gibt es nicht. Nicht alle Hunde lassen sich umerziehen, manche werden ihr Leben lang die Artgenossen nicht riechen können. Buchstäblich. Geben Sie aber bitte nicht auf, mit unseren Tipps haben Sie eine gute Chance, die Leinen-Aggression in den Griff zu bekommen. Vielleicht nach einem Monat oder auch nach einem Jahr – wahrscheinlich dürfen Sie es doch einmal erleben: Ihr Hund schaut neugierig sein Gegenüber an, wedelt mal noch zögerlich mit dem Schwanz und steckt seine Nase – na ja, Sie wissen schon wohin… 

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